12. KAPITEL
DIE ZAUBERISCHE TRUHE
Nachdem wir uns von unserem Staunen erholt hatten, das ungebührlich lange zu dauern schien, verloren wir keine Zeit und schleppten die Mumie durch den Gang, um sie dann den Schacht hochzuhieven. Ich stieg als erster hoch und nahm sie oben in Empfang. Bei einem zufälligen Blick nach unten sah ich, daß Mr. Trelawny die abgetrennte Hand nahm und sie an seiner Brust barg, offenbar um sie vor Beschädigungen und Verlust zu schützen. Die toten Araber ließen wir an Ort und Stelle liegen. Mittels unserer Seile ließen wir unsere kostbare Last an den Fuß der Felswand hinab. Dann schafften wir sie an den Taleingang, wo unsere Begleitung wartete. Zu unserer Verwunderung mußten wir feststellen, daß sie zum Aufbruch rüsteten. Als wir den Scheich zur Rede stellten, verteidigte er sich damit, daß er das Abkommen genau eingehalten hätte. Er hatte wie besprochen drei volle Tage gewartet. Ich aber neigte der Ansicht zu, er griffe zu einer Lüge, weil er seine Absicht, nämlich uns feige im Stich zu lassen, verschleiern wollte, und stellte fest, daß Trelawny denselben Argwohn hegte. Erst als wir Kairo erreichten, entdeckten wir, daß der Scheich die Wahrheit gesagt hatte. Wir hatten am dritten November die Mumienkammer zum zweiten Mal betreten. Aus einem ganz bestimmten Grund sollte uns das Datum für immer im Gedächtnis bleiben.
Wir hatten für drei volle Tage unser Zeitgefühl verloren – sie waren aus unserem Leben gestrichen –, während wir staunend in der Kammer der Toten gestanden hatten. Nimmt es daher wunder, daß wir, was die tote Königin Tera und ihre Habseligkeiten betraf, ein von abergläubischen Vorstellungen geprägtes Gefühl hatten?
Ist es ein Wunder, daß dieses Gefühl uns auch jetzt nicht verlassen hat? Daß wir das Gefühl haben, eine Kraft außer uns und unserer Vorstellungskraft wäre am Werk? Wäre es zu verwundern, daß uns diese Kraft, ist unsere Zeit erst gekommen, bis ins Grab verfolgt? Falls uns, die wir ein Grab plünderten, ein eigenes Grab beschieden ist!«
Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: »Wir langten wohlbehalten in Kairo an und setzten die Fahrt nach Alexandria fort, von wo aus wir auf dem Seeweg nach Marseille und weiter mit dem Expreßzug nach London kommen wollten. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, wie es so schön heißt. In Alexandria fand Trelawny eine Depesche vor, mit der Mitteilung, Mrs. Trelawny hätte bei der Geburt einer Tochter ihr Leben gelassen.
Ihr vom Schicksal so schwer geprüfter Gatte machte sich unverzüglich mit dem Orientexpreß auf den Weg, während ich mit den Schätzen allein die Heimfahrt fortsetzte. Ich gelangte sicher nach London. Die ganze Fahrt schien unter einem besonders günstigen Stern zu stehen. Als ich ankam, war die Beerdigung schon vorüber. Das Kind war außer Haus in Pflege gegeben worden, und Mr. Trelawny hatte sich von dem Schock des erlittenen Verlustes so weit erholt, daß er sich daranmachen konnte, die abgerissenen Fäden seiner Arbeit und seines Lebens wiederaufzunehmen. Daß es ihn schwer getroffen hatte, war klar. Das plötzliche Grau im schwarzen Haar war genug Beweis. Dazu kam aber, daß seine scharfen Züge hart und starr geworden waren. Seitdem er jene Depesche im Schiffahrtsbüro in Alexandria erhalten hatte, habe ich ihn nie wieder lächeln gesehen.
In einem solchen Fall ist Arbeit die beste Medizin. Und er widmete sich mit Herz, Leib und Seele seiner Arbeit. Die seltsame Tragödie seines Verlustes und Gewinns – das Kind war nach dem Tod der Mutter geboren worden – hatte sich während der Zeit abgespielt, als wir wie in Trance in der Mumienkammer der Königin Tera gestanden hatten. Die Tragödie schien in irgendeiner Verbindung mit seinen ägyptischen Studien zu stehen, besonders mit den Geheimnissen um die Königin. Von seiner Tochter sprach er nur wenig. Daß in seinen Gefühlen zu ihr zwei Seelen in seiner Brust kämpften, merkte ich ihm an. Ich spürte, daß er sie liebte, ja sie anbetete. Und doch konnte er nicht vergessen, daß ihre Geburt ihrer Mutter das Leben gekostet hatte. Zudem gab es etwas, was dem Vater fast das Herz abdrückte, und doch wollte er mir nie den Grund sagen. Doch einmal brach er in einem Augenblick der Entspannung sein Schweigen:
»Sie ist ihrer Mutter nicht ähnlich, dafür hat sie, was Gesichtszüge und Farbgebung betrifft, eine wunderbare Ähnlichkeit mit den Bildern der Königin Tera.«
Er hatte sie bei Leuten untergebracht, die für sie sorgten, wie er es nicht konnte. Sie sollte bis zum Erwachsenwerden alle jene einfachen Vergnügen genießen, wie alle anderen jungen Mädchen. Ich hätte mich gern öfter mit ihm über sie unterhalten, doch er war in diesem Punkt sehr verschlossen. Nur einmal sagte er: »Es gibt Gründe dafür, warum ich nicht mehr als unbedingt nötig sage. Eines Tages werden Sie es erfahren – und verstehen!« Ich respektierte seine Zurückhaltung, und sprach nicht mehr von ihr, ja ich beschränkte mich darauf, jeweils nach der Rückkehr von einer Reise mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Gesehen habe ich sie kein einziges Mal. Erst in Ihrem Beisein lernte ich sie kennen.
Nun denn, als die Schätze, die wir aus der Gruft, hm, mitgenommen hatten, hier eintrafen, kümmerte Mr. Trelawny sich persönlich um ihre Aufstellung. Die Mumie legte er, mit Ausnahme der abgetrennten Hand, in den großen Eisensteinsarkophag im Vestibül. Dieser Sarkophag war für Uni, den Hohepriester Thebens, gemacht worden und ist, wie sie vielleicht bemerkt haben, über und über mit wunderbaren Anrufungen der alten Götter Ägyptens bedeckt. Alle übrigen Dinge aus dem Grab brachte er in seinem eigenen Zimmer unter. Darunter befand sich, aus einem besonderen, nur ihm bekannten Grund die Mumienhand. Ich glaube, diese sieht er als seinen kostbarsten Besitz an, mit Ausnahme vielleicht des Rubins, den er »Juwel des Siebengestirns« nennt und den er in dem großen Safe aufbewahrt.
Sicher finden Sie das alles ziemlich langweilig, doch ich muß es Ihnen erklären, damit sie alles bisher Vorgefallene besser verstehen. Erst lange Zeit nach meiner Rückkehr mit der Mumie der Königin Tera kam Mr. Trelawny wieder auf dieses Thema zurück. Er war mehrfach in Ägypten gewesen, allein und auch mit mir, während auch ich viele Reisen unternahm, in eigener Sache oder für ihn. Doch die ganze Zeit über – fast sechzehn Jahre waren es – ließ er das Thema unerwähnt, es sei denn ein dringender Grund machte eine Bemerkung erforderlich.
Eines Morgens ließ er mich eilends holen. Ich ging damals Studien im Britischen Museum nach und wohnte in der Hart Street. Als ich hierherkam, war er vor Begeisterung Feuer und Flamme. So hatte ich ihn seit dem Tod seiner Frau nicht mehr erlebt. Ich wurde sofort in sein Zimmer geführt, wo die Jalousien heruntergelassen und die Läden geschlossen waren. Kein einziger Lichtstrahl konnte von außen eindringen. Die normalen Beleuchtungskörper des Raumes brannten nicht, statt dessen waren starke elektrische Birnen, von denen jede mindestens die fünfzigfache Leuchtkraft einer Kerze hatte, auf einer Seite des Zimmers angeordnet. Der kleine Blutsteintisch, auf dem die siebeneckige Truhe stand, war in die Zimmermitte gerückt worden. Wundervoll sah die Truhe aus in dieser Beleuchtung. Sie schien zu glühen, als würde sie von innen beleuchtet.
»Nun, was halten Sie davon?« fragte er.
»Wie ein Juwel«, gab ich zurück. »Man könnte das Ding »Zaubertruhe des Magiers« nennen, wenn es sich des öfteren so präsentiert. Es sieht ja aus, als wäre es von Leben erfüllt!«
»Und wissen Sie, warum?«
»Vermutlich durch den Lichteinfall?«
»Ja, natürlich,« sagte er, »aber es spielt vor allem die Anordnung der Lichter ein Rolle.« Dabei schaltete er die normale Zimmerbeleuchtung ein und löschte die eigens angeordneten Leuchten. Die Wirkung war erstaunlich. In Sekundenschnelle hatte der steinerne Behälter den Leuchteffekt eingebüßt. Es war immer noch ein sehr schöner Stein, aber es war ein Stein und nicht mehr.
»Fällt Ihnen etwas an der Anordnung der Lampen auf?« fragte er dann.
»Nein!«
»Sie waren in der Anordnung des Sternbildes »Wagen« angebracht wie die Sterne im Rubin!«
Diese Feststellung war dergestalt, daß in mir eine gewisse Überzeugung geweckt wurde. Warum, das vermag ich nicht zu sagen, bloß hatte es um die Mumie so viel geheimnisvolle Vorgänge gegeben, daß jedes neue Geheimnis einem einer Erklärung näherzubringen schien. Ich lauschte also gespannt, während Trelawny fortfuhr:
»Seit sechzehn Jahren ließ mich dieses Abenteuer nicht mehr los, und immer war ich auf der Suche nach einem Schlüssel zu den Geheimnissen, auf die wir stießen. Doch erst vergangene Nacht stieß ich auf eine mögliche Lösung. Ich muß sie wohl geträumt haben, denn ich wachte voller Begeisterung auf und sprang aus dem Bett, entschlossen, etwas zu tun, noch ehe ich recht wußte, was ich eigentlich wollte. Und plötzlich lag alles klar vor mir. In den Wandmalereien der Gruft waren Hinweise auf das Siebengestirn des Großen Bären, das den Wagen bildet. Und immer wieder kam der Norden vor. Dieselben Symbole wurden im Zusammenhang mit der »Zaubertruhe«, wie wir sie nannten, erwähnt. Die wunderlichen durchscheinenden Stellen im Gestein waren uns bereits aufgefallen. Sie entsinnen sich gewiß der Stelle, die beschrieb, daß der Edelstein aus dem Herzen eines Meteors stammte, und daß auch diese Truhe daraus gehauen war. Da dachte ich mir, daß das Licht des Siebengestirns, aus der richtigen Richtung einfallend, vielleicht eine gewisse Wirkung auf die Truhe ausüben könnte oder auf ihren Inhalt. Ich schob die Jalousie hoch und sah hinaus. Hoch am Himmel stand der Große Wagen mit dem Polarstern direkt über dem Fenster. Ich schob den Tisch mit der Truhe ins Licht und rückte so lange daran herum, bis die durchscheinenden Stellen auf die Sterne gerichtet waren. Sofort erglühte die Truhe, wie Sie es eben unter den Lampen sahen. Ich wartete ab. Doch der Himmel bewölkte sich, und das Licht schwand. Also holte ich mir Drähte und Lampen – Sie wissen ja, wie oft ich sie bei Experimenten brauche – und versuchte es mit elektrischem Licht. Es dauerte ziemlich lange, bis ich die richtige Anordnung der Lampen getroffen hatte, so daß sie den speziellen Teilen des Steines entsprachen, aber kaum hatte ich sie richtig angeordnet, fing das ganze Ding zu glühen an, wie Sie es eben gesehen haben.
Aber weiter gelangte ich nicht. Irgend etwas fehlte dabei. Da fiel mir plötzlich ein, daß es in der Gruft irgendwelche Leuchten gegeben haben mußte, da dem Licht eine so große Bedeutung zufiel. Denn das Licht der Sterne konnte ja in die Mumienkammer nicht eindringen. Und dann wurde mir alles klar. Auf den Blutstein-Tisch, in dessen Platte eine Höhlung eingelassen ist, in die der Unterteil der Truhe paßt, legte ich die Zaubertruhe. Und ich sah sofort, daß die sonderbaren und so sorgsam ausgearbeiteten Auswölbungen irgendwie der Anordnung der Sterne im Sternbild entsprachen. Also handelte es sich dabei um Halterungen für Leuchten.«
»Heureka!« rief ich aus. »Jetzt brauchen wir nur noch die Lampen.« Ich versuchte die elektrischen Birnen auf oder ganz nahe an diesen Ausbuchtungen anzubringen. Doch ihr Schein fiel nicht auf den Stein. Daher wuchs in mir die Überzeugung, daß es zu diesem Zweck eigene Leuchten geben müsse. Gelingt es uns, diese aufzutreiben, dann wäre ein weiterer Schritt zur Lösung des Rätsels getan.
»Was ist mit den Leuchten?« fragte ich. »Wo sind sie? Wann sollen wir uns auf die Suche begeben? Und wie sollen wir sie erkennen, wenn wir sie finden? Wie…«
Er gebot mir Einhalt.
»Eines nach dem anderen!« sagte er leise. »Ihre erste Frage beinhaltet alle anderen. Wo sind diese Lampen! Das werde ich Ihnen sagen: Sie sind in der Gruft!«
»In der Gruft!« wiederholte ich verblüfft. »Aber wir beide haben die Gruft bis in den letzten Winkel durchsucht. Und wir haben keine Spur einer Leuchte entdeckt. Nichts blieb zurück, als wir zum erstenmal die Gruft verließen, und beim zweiten Mal waren es nur die toten Araber.«
Unterdessen hatte er ein paar große Papierbogen aufgerollt, die er aus seinem Zimmer gebracht hatte. Diese breitete er auf dem großen Tisch aus und beschwerte die Ränder mit Büchern und Gewichten. Ich erkannte sie auf den ersten Blick. Es waren sorgfältige Kopien unserer erstenTranskriptionen der Gruftinschriften. Als er alles bereit hatte, wandte er sich zu mir um und sagte gemessen:
»Erinnern Sie sich, wie Sie sich bei unserer ersten Durchsuchung der Gruft wunderten, daß etwas fehlte, was sonst meist in solchen Gräbern vorhanden ist?«
»Ja, richtig! Es fehlte ein »serdab«.«
»Den Begriff »serdab« müßte ich vielleicht erklären«, sagte Mr. Corbeck zu mir. »Das ist eine Art Nische, die in die Mauer einer Gruft eingebaut oder aus ihr herausgehauen ist. Die bislang entdeckten tragen keine Inschriften und enthalten nur Bilder der Toten, für die das Grab geschaffen wurde.« Nun fuhr er fort in seiner Erzählung:
Als Trelawny merkte, daß ich die Bedeutung erfaßt hatte, fuhr er mit seiner früheren Begeisterung fort: »Ich bin zu dem Schluß gelangt, daß es ein »serdab« geben muß – ein geheimes. Wie dumm von uns, daß wir nicht eher daran dachten. Wir hätten wissen müssen, daß der Erbauer einer solchen Gruft – eine Frau, die in anderer Hinsicht so viel Sinn für Schönheit und Vollkommenheit bewiesen hatte und die jede Einzelheit mit weiblichem Feingefühl durchdachte – diese architektonische Besonderheit nicht ausgelassen hätte. Auch wenn dies fürs Ritual keine Bedeutung gehabt hätte, hätte sie es als zusätzliches Schmuckelement gewiß einbauen lassen. Andere vor ihr taten es auch, und sie wollte, daß ihr Werk vollkommen sei. Verlassen Sie sich darauf, daß es ein »serdab« gab – daß es eines gibt. Und daß wir, wenn wir darauf stoßen, darin die Leuchten finden werden. Hätten wir damals gewußt, was wir jetzt wissen oder zumindest vermuten, dann hätten wir nach einem Geheimversteck gesucht. Ich werde Sie bitten, wieder nach Ägypten zu fahren, die Gruft zu durchsuchen, das »serdab« zu finden und die Leuchten mitzubringen!«
»Und falls ich entdeckte, daß es kein »serdab« gibt, oder aber, wenn ich zwar ein solches finde, aber entdecken muß, daß es leer ist?«
Daraufhin lächelte er, so wie ich ihn seit Jahren nicht mehr lächeln gesehen hatte: »Dann werden Sie danach suchen müssen, bis Sie die Leuchten finden!«
»Gut!« sagte ich darauf. Er deutete auf einen der Papierbogen.
»Das hier sind die Inschriften der Kammer an der Süd- und an der Ostwand. Ich habe mir die Texte noch einmal angesehen, und ich kam dahinter, daß an sieben Stellen in dieser Ecke die Symbole des »Wagen« genannten Sternbildes anzutreffen sind, von dem Königin Tera glaubte, daß es ihre Geburt beeinflußt habe und ihr Schicksal beherrsche. Ich habe sie sorgfältig untersucht und mußte feststellen, daß es sich um Darstellungen der Sternengruppe handelt, und zwar so wie diese Konstellation an verschiedenen Teilen des Himmels zu sehen ist. Sie sind in ihrer Gesamtheit astronomisch korrekt. Und wie am wirklichen Himmel die beiden entferntesten Sterne dieses Sternbildes auf den Polarstern weisen, so weisen die an die Wand gezeichneten alle auf eine Stelle, an der man gewöhnlich den »serdab« antrifft.«
»Bravo!« hatte ich ausgerufen, denn eine solche Schlußfolgerung verdiente Beifall. Er schien erfreut, als er fortfuhr:
»Untersuchen Sie diese Stelle, wenn Sie dort angelangt sind. Wahrscheinlich ist eine Feder oder eine sonstige mechanische Vorrichtung zum Öffnen der Nische angebracht. Verlieren wir uns nicht in Vermutungen darüber, was das sein könnte. An Ort und Stelle werden Sie gewiß selbst am besten wissen, was Sie zu tun haben.«
In der folgenden Woche trat ich die Fahrt nach Ägypten an, nicht ruhend und rastend, ehe ich nicht wieder vor der Gruft stand. Ich hatte sogar einige Mann unserer Begleitmannschaft von früher aufgetrieben und war so mit Hilfskräften wohlversorgt. Überdies hatten sich die Verhältnisse im Lande in den vergangenen sechzehn Jahren grundlegend geändert, so daß sich Soldaten oder bewaffnete Begleiter als unnötig erwiesen.
Ich erklomm den Felsabsturz ganz allein, was nicht weiter schwierig war, da das Holz der Leitern dank des dortigen trockenen Klimas nicht morsch, sondern noch immer fest und verläßlich war. Daß in den vergangenen Jahren Besucher in der Gruft gewesen waren, war nicht zu übersehen. Und meine Stimmung sank abgrundtief, als ich mir ausmalte, daß womöglich jemand bereits das Versteck gefunden haben könnte. In der Tat eine bittere Enttäuschung, wenn sich die lange Reise als vergeblich erweisen sollte, weil mir bereits jemand zuvorgekommen war.
Leider sollte sich dies als betrübliche Wahrheit herausstellen, nachdem ich meine Fackeln entzündet und zwischen den siebenseitigen Säulen hindurch die Grabkammer betreten hatte.
Genau dort, wo ich die Öffnung des Serdab erwartet hatte, befand sie sich auch – und die Nische war leer.
Nicht aber die Kammer. Denn unter der Öffnung lag die ausgetrocknete Leiche eines Mannes in Araberkleidung. Ich untersuchte nun gründlich die Wände, um festzustellen, ob Trelawny mit seiner Vermutung recht hatte. Und ich fand heraus, daß in sämtlichen angezeigten Positionen des Sternbildes jene zwei letzten Sterne des Wagens auf einen Punkt links oder südlich der Serdab-Öffnung zeigten, wo ein einzelner goldener Stern zu sehen war.
Ich drückte auf diese Stelle, sie gab nach. Der Stein, der die Vorderseite des Serdab darstellte und jetzt nach innen gekippt war, bewegte sich ein wenig. Bei näherer Untersuchung der anderen Seite der Öffnung, entdeckte ich eine ähnliche Stelle, die von anderen Konstellationen des Sternbildes dargestellt wurde, nämlich eine Darstellung des Siebengestirns, bei der jeder Stern in schimmerndem Gold dargestellt war. Ich drückte der Reihe nach jeden Stern – vergebens. Dann kam mir der Gedanke, daß die Sterne gleichzeitig, nämlich von einer siebenfingrigen Hand, zu drücken wären. Indem ich beide Hände zu Hilfe nahm, schaffte ich es.
Mit einem lauten Klicken sprang eine Metallfigur direkt hinter dem Verschluß hervor. Der Verschluß-Stein schwang langsam zurück und schnappte mit einem Klicken zu. Der Blick, den ich auf die Gestalt hatte tun können, jagte mir keinen geringen Schrecken ein. Sie war ähnlich jenem grimmen Wächter, den, will man dem arabischen Historiker Ibn Abd Alhokin glauben, König Saurid Ibn Salhouk zum Schutze der Schätze in der westlichen Pyramide aufstellte. »Eine Marmorgestalt, aufrecht, mit der Lanze in der Hand, um den Kopf eine Schlange. Wenn jemand sich näherte, biß die Schlange zu, wickelte sich um den Hals des Eindringlings und tötete ihn, um sich hierauf wieder auf ihren Platz zu begeben.«
Ich wußte sehr wohl, daß eine solche Figur nicht zum Spaß geschaffen worden war, und daß es kein Kinderspiel war, es mit ihr aufzunehmen. Der tote Araber zu meinen Füßen war der beste Beweis dafür. Ich setzte meine Untersuchung der Wand fort und entdeckte da und dort Abschürfungen, als hätte jemand mit einem schweren Hammer die Wand abgeklopft. Es hatte sich also folgendes abgespielt: Der Grabräuber, der über mehr Erfahrung verfügt hatte als wir und das Vorhandensein eines verborgenen »serdab« vermutet hatte, hatte sich auf die Suche gemacht und zufällig jene Feder ausgelöst, die den rächenden »Schatzhüter« hervorschnellen ließ. Das Ergebnis sagte alles. Ich nahm ein Stück Holz und drückte damit aus sicherer Entfernung auf den Stern.
Sofort schnellte der Stein zurück. Die dahinter verborgene Figur sprang mit ausgestreckter Lanze hervor. Dann war sie wieder verschwunden. Nun meinte ich, ich könnte selbst ohne Gefahr die sieben Sterne drücken und tat es auch. Wieder wich der Stein zurück, und der Schatzhüter huschte vorüber – und in sein Versteck zurück.
Beide Experimente wiederholte ich mehrmals und erzielte stets dasselbe Ergebnis. Wie gern hätte ich den Mechanismus dieser mit so bösartiger Beweglichkeit ausgestatteten Figur untersucht. Aber ohne entsprechende und schwer zu beschaffende Werkzeuge war dies unmöglich. Man hätte wahrscheinlich ein Stück Gestein herausschlagen müssen. Eines Tages hoffe ich, entsprechend ausgerüstet zurückzukehren und einen Versuch zu machen.
Wahrscheinlich wissen Sie nicht, daß die Öffnung eines »serdab« meist sehr schmal ist, so daß man manchmal kaum die Hand hineinzwängen kann. Bei diesem Serdab nun erfuhr ich zweierlei. Erstens mußten die Leuchten, falls überhaupt Leuchten vorhanden gewesen waren, sehr klein gewesen sein. Und zweitens, daß sie auf irgendeine Weise mit Hathor in Verbindung stehen mußten, deren Sinnbild, der Falke in einem Viereck, dessen rechte obere Ecke abermals ein Viereck bildete, in die Innenwand geritzt war und in demselben hellen Rot leuchtete wie die Stele. Hathor nimmt in der ägyptischen Mythologie jene Stellung ein, die Venus bei den Griechen innehat, nämlich als Göttin der Schönheit und Lebensfreude. Bei den Ägyptern aber erscheint jede Gottheit in verschiedenen Gestalten, so steht Hathor beispielsweise auch mit der Vorstellung von der Wiederauferstehung in Verbindung. Es existieren sieben Gestalten oder Varianten der Göttin; es drängte sich mir die Vermutung auf, daß diese sieben Gestalten irgendwie mit den sieben Leuchten zu tun haben müßten! Daß es nämlich solche Leuchten geben müßte, davon war ich überzeugt. Der erste Grabräuber war zu Tode gekommen. Der zweite hatte den Inhalt des »serdab« entdeckt. Der erste Versuch lag Jahre zurück, der Zustand der Leiche bewies dies. Wann der zweite Räuber eingedrungen war, konnte ich nicht ahnen. Der Zeitpunkt mochte schon länger zurückliegen, ebensogut aber konnte es erst kürzlich gewesen sein. Wenn jedoch noch weitere Besucher hier eingedrungen waren, war es wahrscheinlich, daß der Raub schon lange zurücklag. Nun, um so schwieriger würde sich meine Suche gestalten. Denn, daß ich eine Suche wagen mußte, stand fest.
Das liegt nun schon fast drei Jahre zurück. Und die ganze Zeit habe ich wie der Mann in »1001 Nacht« mit der Suche nach alten Lampen zugebracht, nicht um sie gegen neue einzutauschen, sondern gegen bares Geld. Was ich da eigentlich suchte, wagte ich nie offen auszusprechen, ganz zu schweigen von einer genaueren Beschreibung der Leuchten, denn damit hätte ich meine Absicht klar zu erkennen gegeben. Doch hatte ich von Anfang an eine ungefähre Vorstellung, von dem, was ich suchte. Und mit der Zeit wurde diese Vorstellung immer klarer, bis ich schließlich übers Ziel hinausschoß und nach etwas suchte, was vielleicht gar nicht das Richtige war.
Die dabei erlittenen Enttäuschungen und die Sackgassen in die ich geriet, könnten Bände füllen. Doch ich gab nicht auf. Und schließlich zeigte mir ein alter Händler in Mossul vor nicht ganz zwei Monaten eine Leuchte, wie ich sie suchte. Fast ein ganzes Jahr lang war ich ihr nachgejagt, hatte mancherlei Enttäuschungen erlebt und hatte mich immer wieder an meiner Hoffnung aufgerichtet, daß ich auf der richtigen Fährte wäre.
Wie ich es fertigbrachte mich zu bezähmen, als ich merkte, daß ich dem Erfolg zumindest nahe war, weiß ich nicht. Zumindest waren mir die orientalischen Handelsgewohnheiten nicht fremd, und der jüdisch-arabisch-portugiesische Händler, mit dem ich es zu tun hatte, traf in mir auf einen ebenbürtigen Partner. Ich verlangte seinen gesamten Bestand zu sehen, ehe ich mich zum Kauf entschloß. Und so schleppte er unter Unmengen von Trödelkram nacheinander sieben verschiedene Leuchten an. Jede einzelne hatte ein bestimmtes Kennzeichen, und jedes dieser Zeichen war eine andere Form des Sinnbilds von Hathor. Ich glaube, daß ich letztlich durch die Großzügigkeit meines Kaufs den Händler aus der Ruhe brachte. Damit er nicht dahinterkäme, was ich eigentlich suchte, räumte ich fast sein gesamtes Lager aus. Schließlich war er den Tränen nahe und behauptete, ich hätte ihn ruiniert, daß er nun ohne Ware dastünde. Hätte er jedoch geahnt, welchen Preis ich letztlich für einen geringen Teil seiner Bestände geboten hätte, für einen Teil, den er am geringsten einschätzte, dann hätte er sich die Haare gerauft.
Auf dem Heimweg veräußerte ich den Großteil meiner Erwerbungen zu normalen Preisen. Die Sachen zu verschenken oder zu verlieren, wagte ich nicht, nur um ja keinen Argwohn zu erregen. Meine Bürde war viel zu kostbar, als daß ich sie durch eine Dummheit hätte aufs Spiel setzten dürfen. Ich beeilte mich, so gut es bei Reisen in solchen Ländern möglich ist, und kam in London schließlich bloß mit den Leuchten und einigen leicht zu transportierenden Raritäten und Papyrusrollen an, die ich unterwegs erstanden hatte.
»Mr. Ross, jetzt wissen Sie alles, was ich weiß. Und ich überlasse es Ihrem Feingefühl, wieviel davon Sie Miß Trelawny enthüllen.«
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als eine frische junge Stimme hinter uns sagte: »Was soll mit Miß Trelawny sein? Hier ist sie!«
Erschrocken drehten wir uns um und wechselten einen vielsagenden Blick. In der Tür stand Miß Trelawny. Wie lange sie schon so dagestanden und wieviel sie gehört hatte, konnten wir nicht ahnen.